im Kreißsaal

Es war ein kleiner gemütlicher Kreißsaal,und das Licht war abgedunkelt.

Eine freundliche Hebamme und eine nette junge Ärztin empfingen mich.

Sie brachten mir erstmal ein Telefon,damit ich meine Lieben benachrichtigen konnte.

Ich rief dann meinen Mann an,und sagte ihm,daß ich jetzt im Kreißsaal bin,und unser Kind zur Welt bringen müsse.

Ihm war erst gar nicht klar,was das bedeutete,und  er fragte,ob ich nicht in eine andere Klinik mit Frühchenstation verlegt werde..

Es fiel mir sehr schwer,ihm zu sagen,das es in dieser Schwangerschaftswoche noch unmöglich ist, unseren Kleinen zu retten,selbst wenn er nach der Geburt noch leben sollte.

Erst nach einer ganzen Weile sagte er dann ganz leise:"Na,dann fahr ich jetzt mal los".

Ich war dann ein paar Minuten alleine,legte die Hand auf meinen Bauch,und weinte vor mich hin.

Mein Sohn turnte dort noch munter umher,nichts ahnend,dass dies seine letzten Stunden waren.

Bis mein Mann eintraf,saßen abwechselnd die Ärztin und die Hebamme an meinem Bett,und hielten meine Hand.

Ca. 20 Uhr war Ivo dann da.Wir riefen meine Schwester Anke an,und baten sie ,uns einen Fotoapparat zu bringen.

Sie kam dann wenig später,und blieb bis zur Geburt von Friedrich bei uns,wofür wir sehr dankbar sind.

Die Stunden gingen dahin,aber die Wehen wurden nicht stärker.

Die Hebamme meinte dann,ich müsse versuchen,den Kleinen innerlich loszulassen,und wenn ich bereit wäre,würde sie mir ein wehenförderndes Mittel verabreichen.

 

 

Solange ich Friedrich aber noch so deutlich spürte,konnte ich mich allerdings nicht dazu entschließen.

Erst als sich ca.1 Stunde nichts mehr in meinem Bauch regte,und auch auf mein Stupsen keine Reaktion mehr kam,war ich bereit.

Wenige Sekunden nachdem die Hebamme mir das Mittel verabreicht hatte,bekam ich eine starke Presswehe.Die Fruchtblase platzte.

Meinem Mann ging es zu diesem Zeitpunkt gar nicht gut,und er verließ für eine Weile den Kreißsaal.

Mein Schwesterchen hielt weiterhin tapfer meine Hand.

Um 2.20 Uhr kam unser Sohn still zur Welt.

 

Ich bekam ihn dann auf meine Brust gelegt,er war so weich und warm,und einfach nur wunderschön!

Was für ein unbeschreibliches Gefühl,ein Gemisch aus Traurigkeit und Glück.

Meine Schwester machte ein paar Fotos von uns,dann mußte ich leider in den OP zur Ausschabung.

 

Friedrichs Geburtstag,18.11.2011

Um 4.00 Uhr wachte ich auf der Intensivstation auf,und konnte es kaum erwarten,dass es Tag wurde.

Um 6.00 war ich wieder in meinem Zimmer.Ich war total aufgekratzt,und konnte es gar nicht erwarten,meinen kleinen Sohn wiederzusehen.

Die Schwestern kamen später als sonst in mein Zimmer,da sie mich schlafen lassen wollten,dabei war an schlafen gar nicht zu denken.

Um 10.00 bat ich dann,mir meinen Kleinen zu bringen.Mein Mann und mein Großer hatten sich mittlererweile auch auf den Weg gemacht.

Die Schwester sagte,daß neben dem Kreißsaal ein Raum wäre,wo wir uns von dem Kind verabschieden könnten.

Ich bestand aber darauf,daß er in mein Zimmer gebracht wird.

Sie kam dann mit einem kleinen zugedeckten Weidenkörbchen wieder und sagte,das sie ihn auch anziehen,wenn wir das möchten.

Ich erwiederte,dass wir das selber machen möchten.Sie sagte dann nur ganz erstaunt:"Ach ja?"und ließ uns dann alleine.

Ich war so aufgeregt,und langsam zog ich das Handtuch beiseite.

Da lag er nun,winzig,nackt,mit einigen Verfärbungen am Körper,aber für mich das schönste perfekteste Wesen auf der Welt.

Zaghaft berührte ich ihn,und seine Haut war immer noch weich und babyzart,aber nun war er eiskalt.

Ein paar Minuten später klopfte es,und Ivo und Richard kamen herein.

Ich hatte das Handtuch wieder über den Korb gedeckt,um Richard erstmal zu erklären,wie sein Bruder aussieht.

Das wäre wohl gar nicht nötig gewesen,Richard schloss ihn sofort in sein Herz,und hielt ihn ganz oft und lange auf dem Arm,hatte keine Berührungsängste.

Er durfte dann auch den Namen aussuchen,denn wir hatten einige zur Auswahl.

Anke kam auch wenig später,und sie hatte einen süßen kleinen Strampler mitgebracht.

Sie hatte extra eine Puppe gekauft,die ihn anhatte.

Vorsichtig zogen wir Friedrich an.

Jetzt trafen meine Mutti und meine Schwester Anne ein.

Anne hatte 2 winzige weiße Plüschteddys mitgebracht,einen für Friedrich und einen für uns.

 

 

 

 

Ich bat dann darum,das dies kein trauriger Tag werden soll,sondern eine Begrüßungs-und-Abschiedsfeier für unseren kleinen Sohn.

Es war ein paar innige,wunderschöne,intensive Stunden,die wir mit Friedrich verbringen durften,und ich möchte nicht eine Minute davon missen.

Wir hielten ihn abwechselnd in den Armen,streichelten und küssten ihn,und machten ganz viele Fotos.

Am frühen Abend war ich dann allein mit meinem Sohn,und ich wurde sehr traurig,denn ich wußte,es würde nie wieder so einen Tag geben....

Eine Schwester kam herein und sagte,sie holt den Kleinen in einer halben Stunde ab,denn "es wäre jetzt genug.Ich solle auch an meinen großen Sohn denken,und froh sein,das es ihm bei seiner Vorgeschichte so gut geht".

Ich war ziemlich verdattert,und mir fiel auch leider keine passende Antwort in dem Moment ein.

Zum Glück kam sie nicht wieder,und ich denke,daß ich das Frau Dr W. zu verdanken habe,denn diese hatte mir zugesichert,dass ich Friedrich so lange bei mir behalten kann,wie ich will.

Ich hatte Friedrich dann noch einige Zeit neben mir im Bett,bevor ich ihn für die Nacht abholen ließ.

Ich telefonierte dann noch mit meinem Mann,bevor ich mich in den Schlaf weinte.

 

Der Tag danach,19.11.2011

Um 4.00 Uhr wachte ich auf,und ein paar Sekunden später stürzten die Ereignisse des gestrigen Tages auf mich ein.Ich war völlig verzweifelt und bekam einen Weinkrampf.Erst,als ich kaum noch atmen konnte,versuchte ich mich langsam zu beruhigen.

Ich duschte dann ausgiebig,zog mich an und fing langsam an,meine Sachen einzupacken.Es war eine ganze Menge,denn ich hatte mich ja auf einen längeren Aufenthalt eingestellt.

Bei dem Gedanken musste ich schon wieder weinen.

Ich würgte eine halbe Stulle hinunter,denn ich hatte am gestrigen Tag außer einem Joghurt nichts zu mir genommen,und bat dann die Schwester,mir Friedrich wieder zu bringen.

Er sah heute anders aus als gestern,irgendwie friedlicher,fast so,als würde er lächeln.Er hatte seinen Teddy die ganze Nacht im Arm,und ich den anderen bei mir im Bett.Jetzt tauschte ich die Beiden aus,und Friedrichs kleiner Teddy sitzt jetzt neben seinem Bild in unsere Vitrine.

Mein Mann und Richard kamen dann auch bald,und wir verbrachten noch ein paar Stunden mit dem Kleinen.

Irgendwann war die Zeit für den Abschied dann gekommen.

Ivo ging als Erster,und nahm mein Gepäck schon mit.

Ich mußte Friedrich dann endgültig in sein Körbchen zurücklegen.Ich nahm ihn allerdings 3 oder 4 mal wieder hoch,und dachte jedesmal:"Nur noch einmal halten,einmal küssen,einmal das süße Gesichtchen betrachten,es muß doch für ein Leben lang reichen!"

Es wird NIE reichen....

Ich weiß nicht mehr,wie lange es dauerte,bis ich in der Lage war,das Zimmer zu verlassen,und meinen Kleinen zurückzulassen.